In den letzten Jahren hat die Diskussion über den
Bombenkrieg gegen das nationalsozialistische Deutschland (1939-1945)
starke Aufmerksamkeit erregt. Von Interesse ist dabei nicht nur die
inhaltliche Diskussion über "Täter" und "Opfer", sondern auch das
breite Spektrum der Rezeptionsebenen: Die Diskussion überschritt die
Grenzen der Geschichtswissenschaft und fand großes Echo in der medialen
und politischen Öffentlichkeit. Parallel dazu mehrten sich die
literarischen oder biographischen Neuerscheinungen, die nicht nur den
Bombenkrieg, sondern auch Flucht und Vertreibung aus einer deutschen
Opferperspektive heraus thematisierten. Besondere Aufmerksamkeit fand
die polarisierende Publikation von Jörg Friedrich 'Der Brand' (2002)
sowie sein Bildband 'Brandstätten' (2003), die eine erneute Diskussion
über den alliierten Bombenkrieg nicht nur innerhalb der historischen
Forschung, sondern auch in der politischen und medialen Öffentlichkeit
anregten.
Die anhaltende Debatte weist auf Unterschiede in den verschiedenartigen
Erinnerungskulturen hin, die sich wiederum durch differierende
Rezeptionsebenen und –haltungen erklären lassen: "Im Rückblick auf die
Zerstörung deutscher Städte und den Tod von etwa 400.000 Menschen -
gegenwärtig kursieren auch (unbelegte) Angaben über bis zu 600.000
Bombenopfer - empfinden sich viele Deutsche anscheinend vor allem als
Opfer, obgleich die deutschen Luftangriffe und Kriegsverbrechen dadurch
in der Regel nicht bestritten oder gar geleugnet werden. Es handelt
sich um eine mentale Rezeptionsebene, die offenbar wesentlich
erträglicher zu sein scheint als die Auseinandersetzung und
Konfrontation mit deutschen Verbrechen im 'Dritten Reich'."1
Von der Geschichtswissenschaft ist zu erhoffen, dass zukünftig vermehrt
Analysen solcher mentaler Rezeptionsebenen, methodisch kontrolliert
durch mentalitätsgeschichtliche Theorien sowie Methoden der 'Oral
History'-Forschung, die Debatte begleiten.
Doch nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch die historisch
interessierte Öffentlichkeit ist durch die Debatte um den Bombenkrieg
zu detaillierten lokalen Publikationen herausgefordert. Zur Sicherung
und Bereitstellung des Materials können viele einen Beitrag leisten.
Dazu bietet das Medium 'Internet' vielfältige Möglichkeiten des
Austauschs.
Da im Internet zum Rheinland nur spärliche oder gar keine – wie im Fall
der Städte Köln, Düsseldorf, Bonn und Aachen – Informationen zum
Luftkrieg oder zum Luftschutz in den Städten zu finden waren, entstand
2003 das Projekt „bunkerarchaeologie.de“ [in Anlehung an Paul Virilios
Bildband 'Bunker...Archäologie' (1992) über die Bunker des
Atlantikwalls], mit dem Ziel, eine Online-Dokumentation über den
Luftkrieg im 1. und 2. Weltkrieg für das Rheinland zu erstellen.
Die damalige Diskussion über den Komplettabriß des Westwalls in NRW,
und die von einigen Politikern angestoßene Diskussion über den
(inzwischen verhinderten) Abriß der "Ordensburg Vogelsang" und der
bereits fast vollendete Abriß des Atombunkers der Bundesregierung
„Dienststelle Marienthal“ in der Eifel ließen uns aufhorchen und
vermuten, dass Mahnmale 'unangenehmer' Geschichte einfach verschwinden
sollen.2 Diese Politik der Ausblendung unliebsamer
historischer Monumente, die das angestrebte Bild einer Stadt oder einer
Region (ver-)stören, leistet einer nationalen Mythenbildung Vorschub,
die Teile der Geschichte aus dem Blickfeld verdrängt.
Was Paul Virilio für die Bunker des Atlantikwalls beschreibt, gilt auch für die Luftschutzbauten im Rheinland:
„Der Bunker [...] warnt uns weniger vor dem Gegner aus vergangenen
Zeiten als vor dem Krieg von heute und morgen: vor dem totalen Krieg,
dem überall vorhandenen Risiko, der Unmittelbarkeit der Gefahr, der
großen Verschmelzung des Militärischen und des Zivilen, der
Homogenisierung des Konflikts. Wenn man die zur Hälfte vergrabene Masse
eines Bunkers mit seinen verstopften Belüftungsanlagen und dem schmalen
Schlitz des Beobachtungspostens betrachtet, dann schaut man in einen
Spiegel und gewahrt das Spiegelbild unserer eigenen Todesmacht, unserer
eigenen Destruktivität, das Spiegelbild der Kriegsindustrie. [...] Der
Bunker ist anwesender und abwesender Mythos zugleich geworden: anwesend
als für eine transparente und offene zivile Architektur abstoßendes
Objekt, abwesend in dem Maße, in dem sich die Festung von heute
woanders befindet, unter unseren Füßen, von nun an unsichtbar.“ 3
Ausgehend von diesen Überlegungen will das Projekt dafür sorgen,
zumindest das heute noch im Rheinland Erhaltene bilddokumentarisch
aufzuarbeiten.
Am anschaulichen Beispiel noch erhaltener Bunker wollen wir uns auch
mit den Lebensbedingungen der Menschen in den Städten zur Zeit des 2.
Weltkriegs beschäftigen.
Außerdem werden wir uns mit der historischen Architektur verschiedener
Bunkerarten beschäftigen, wie auch mit der Umnutzung noch bestehender
Bunker in heutigen Zeiten (Umbau zu Wohnungen, Kulturzentren etc.).
Ein weiteres Thema werden die Bombenangriffe des 1. Weltkrieges (Köln,
Düsseldorf) sein, die in der heutigen Öffentlichkeit kaum mehr erinnert
werden.
Alle Interessierten sind eingeladen, Beiträge an uns zu schicken, seien
es Erinnerungen von Zeitzeugen, Bilddokumente, Artikel oder Kommentare
über den Luftkrieg im Rheinland.
Des weiteren suchen wir Nachlässe mit Büchern, Urkunden, Dokumenten,
Briefen und Fotos aus beiden Weltkriegen, die wir gegebenenfalls auch
ankaufen.
1 Themenportal Bombenkrieg. Historicum.net.
www.bombenkrieg.historicum.net
2
Dieser Umgang mit Geschichte und seine Konsequenzen für das kollektive
Gedächtnis sind in den letzten Jahren ebenso in bezug auf den Umgang
mit Überbleibseln der ehemaligen DDR zu beobachten: Die Berliner Mauer
ist, wie auch andere Bauten der DDR-Regierung, bis auf einen winzigen
Rest verschwunden.
3 Paul Virilio: Bunker...Archäologie. München, Wien 1992. S. 46.